Nadine Kegele · Beitrag für "Tausend Tode schreiben"

 

Tausend Tode schreiben, Text #13 · Frohmann Verlag #12/2014

Er kommt sich um mich betrogen vor

 

"Otto war in die Küche gegangen, hatte nach dem Messerblock gegriffen, die Luft in Streifen geschnitten und etwas mit Umbringen geschrien, sie alle umbringen. Ihr war der Schreck in die Hose gefahren statt in die Knie, es war warm geworden zwischen ihren Beinen", so schreibe ich in meinem ersten Buch Annalieder über eine fast wahre Begebenheit. Denn nein, in die Hose gemacht habe ich nicht, weder groß, noch klein, als der Freund meiner Mutter - vom Arschloch Leben deprimiert, vom Teufel Alkohol aufgewiegelt - mich um mein eigenes Leben betteln ließ. Mein Darm war wohl bereits entleert gewesen, ansonsten könnte es nämlich schon mal in die Hose gehen, wenn dich jemand abstechen will. Und das müsste dir auch nicht peinlich sein, weil so etwas bestimmt weh tut. Würde ich heute sagen. Aber damals - es war die Zeit des "Fall Lucona" und Otto trug einen ähnlichen Nachnamen, wofür ich Schulspott erntete, als hätte ich auch für die Morde des Udo Proksch meinen Hals hinzuhalten - war mir das peinlich, dass es bei uns zu Hause "so" war. So peinlich, dass ich, im stillen Einvernehmen mit meinen Geschwistern, lieber kein Wort darüber verlieren wollte.

Besser kreidebleicher Klassenclown. Und nach der Schule die Messer fürs Kochen unter den Kästen hervorholen, unter die wir Kinder sie geworfen hatten, nachdem die Mutter sie ihrem "Freund", als er weinerlich geworden war über sein Unglück, jemanden töten zu müssen vor Wut, doch noch hatte abnehmen können. Die Wohnung waffenfrei zu machen, war eine weise Entscheidung gewesen, noch weiser wäre gewesen: Polizei, bei vielen Anlässen geht so, bei solchen potent.

Denn "immer wieder werden Kinder Opfer tödlicher Familientragödien. Die folgende Chronik dokumentiert spektakuläre Fälle in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren", lese ich beim Googeln. Ist das eine Tragödie? Ist es eine Komödie? Dass es in modernen Zeitungsredaktionen noch immer common sense ist, diese Morde als spektakuläre Tragödien zu definieren, ist komisch. Komisch in der Definition von seltsam. Erinnert mich übrigens an den pater familias, dem im römischen Haushalt die Macht über Leben und Tod "seiner" Frau, Kinder und Sklaven zukam. Egal ob römische oder griechische Tragödie, es scheint nicht als Mord anerkannt zu werden, solange es in der Familie bleibt. Hier müsste der Presserat auf den Plan treten und den Zeitungsredaktionen aller Länder Theaterabos finanzieren, um ihre Katharsis dort abholen zu können.

Dass ich aufgrund einer Messerphobie ungern mit anderen koche und nie freiwillig in Kinofilme übers Kochen oder Bill Killen ginge, scheint logisch. Unlogisch scheint, dass ich vom Tod auf erschreckende Art fasziniert bin. Mir leuchtet das ein: Er lässt mich nicht los, weil er mich mindestens zwei Mal fast gehabt hätte. Seitdem ist er hinter mir her, denn er kommt sich um mich betrogen vor. Und habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ästhetisch platzierte Messerblöcke in modischen Musterküchen abscheulich unästhetisch finde?